Abschiebegewahrsam in Langenhagen
Freitag, 10.Juli 2009 von Franziska Drohsel
Da kommt man morgens an die Pforte des Abschiebegewahrsams Langenhagen und es begegnet einem, was einem immer begegnet, wenn man Justizvollzugsanstalten begeht: Ich gebe meinen Ausweis ab, werde Justizvollzugsbeamten übergeben und von diesem Moment an gibt es Fortbewegung immer nur mit Auf- und Abschließen riesiger, dicker, metallener Türen. Beklemmung und eine Ahnung davon, wie es sein könnte, wenn die Frage, ob man selber heute noch mal in die Sonne sehen und draußen Luft atmen kann, der Befugnis einzelner Beamter obliegt.
Der Unterschied zu anderen Justizvollzugsanstalten liegt bei der Anstalt, vor der ich am Donnerstagmorgen stehe, darin, dass die Menschen, die dort inhaftiert sind, keine Straftat begangen haben. Sie sind in dieses Land eingereist. Es wurde entschieden, dass sie kein Recht hätten, hier zu leben. Es wurde entschieden, sie abzuschieben. Und deshalb müssen sie bis zu 18 Monate hinter Schloss und Riegel sitzen.
Die Inhaftierten können sich tagsüber im ganzen Haus bewegen und sind nicht in ihren Zellen eingeschlossen, es gibt Aufenthaltsräume mit Büchern, Tischtennisplatten und Sportgeräte. Da ich weiß, wie anders das in anderen Vollzugsanstalten gehalten wird, finde ich es gut, dass Spielräume genutzt werden, aber nichts kann darüber hinwegtäuschen, wo wir uns hier befinden.
Die Inhaftierten dürfen eine Stunde pro Tag an die frische Luft und manchmal auf den Sportplatz. Und es gibt auch die BGH – die Beugehaftzelle. Ein gefliester, kahler Raum mit ekliger Boden-Toilette, wo die Inhaftierten bis zu drei Tagen sitzen müssen, wenn sie einer Anweisung nicht Folge geleistet haben. Mir kommen Bilder in den Kopf, wie es wäre, alleine nur eine Stunde in diesem furchtbaren, ekelerregenden Raum sein zu müssen und als die Bilder immer stärker werden, tue ich so, als hätte ich alles gesehen und begebe mich wieder auf den Gang, wo der Hauch von Lebendigkeit zurückkehrt.
Ich sehe viele von den Inhaftierten, in junge und alte Gesichter. Marco (Marco Brunetto, der Landtagsabgeordnete, mit dem ich zusammen dort bin) und ich sehen uns an. Und er kann mir eine Reihe von Schicksalen erzählen, die hier Station machen mussten. Schicksale, die derart schlimm sind, dass ich nie werde verstehen können, wie dieser Staat als Antwort auf solche Widrigkeit das Einsperren finden kann. Treffend sagt Marco, was kann es Legitimeres geben, als dass Menschen für ihre Familien und für sich ein besseres Leben finden wollen. Mit diesem Wunsch kommen sie hierher. Manchmal haben ganze Dörfer Geld zusammengelegt, damit sie Europa erreichen. Und hier werden sie für diesen Wunsch eingesperrt.
Mit diesem Gefühl laufen wir weiter. Die Ungerechtigkeit dieser Welt, in der Menschen in so schlimme Verhältnisse geboren werden, dass sie alles dafür tun, einen anderen Ort zu erreichen und im Gegensatz dazu die Verhältnisse hier, wo ich geboren bin. Die Freiheit von uns, gehen, rennen, schreien zu können und dagegen das Eingesperrtsein der Inhaftierten.
Sicher, auch das Einreißen aller Abschiebeknäste wird das Elend dieser Welt nicht beseitigen. Aber so sehr das Engagement linker Mitglieder in Beiräten von JVAen dazu führen kann, dass sich ganz konkrete Sachen für die Inhaftierten verbessern, so viel mehr würde die Nicht-Existenz dieser unsinnigen Institutionen dazu führen, dass diese Inhaftierten nicht eingesperrt wären und in diesem Land besser, angemessener und in Freiheit leben könnten.
Tags: abschiebung, gefängnis, migrantInnen



Glaub, ich gehe so ein Abschiebegewahrsam auch mal besuchen.
Malcolm X hat einmal gesagt: “Es gibt keinen Kapitalismus ohne Rassismus.”
Und er hat(te) Recht. Aus Angst, dass die Wirtschaft, hier in diesem Land, Schaden nehmen könnte, werden Menschen anderer Herkunft abgeschoben. In ihren Herkunftsländern mangelt es oft an medizinischer Versorgung, Nahrung, sauberem Wasser und an Bildung. Als wäre das nicht schlimm genug, dass diese Menschen zurück ins “Elend”, sage ich jetzt mal ohne die dritte Welt diskriminieren zu wollen, geschickt werden, werden sie auch noch auf grausame Art und Weise dafür bestraft, dass sie ein besseres Leben wollten. Durch die Medien erfahren wir natürlich wieder mal nichts über diese grausamen Abschiebeknäste.
Danke Franzi!