Diskussion mit der Organisation Kobra über „Menschenhandel und Prostitution“
Wir treffen uns in einem Sitzungsraum des SPD-Hauses in Hannover. Die Referentin von Kobra beginnt zu sprechen und ich merke wie mich ihr Vortrag immer mehr gefangen nimmt.
Kobra ist eine Beratungsstelle für Opfer von Frauenhandel und die Referentin berichtet uns von ihrer Arbeit. Sie fängt bei der Situation der Frauen an und obwohl man so oft davon gelesen hat, stockt einem doch der Atem. Es geht um Frauen, die unter unterschiedlichsten Bedingungen nach Deutschland gekommen sind. Jetzt sind sie hier und werden zur Prostitution gezwungen. Oftmals sind sie illegal eingereist und damit erpressbar. Oftmals sind sie isoliert, erfahren Gewalt über einen langen Zeitraum, können die Sprache nicht richtig, empfinden Scham gegenüber ihren Angehörigen, werden von ihren Tätern bedroht und haben Misstrauen gegenüber der Polizei.
Selbst wenn sie sich entschieden haben auszusteigen, ist es nicht selten unendlich schwierig, ihre Täter vor Gericht zu stellen. Zunächst muss deren Identität herausgefunden werden. Dann ist die Beweisführung durch die oftmals traumatisierten Frauen schwierig. Wenn sie bedroht werden, sinkt ihre Bereitschaft zur Zeugenaussage und aufgrund ihrer Traumatisierung haben sie teilweise Gedächtnislücken oder trauen sich nicht zu, in Anwesenheit ihres Täters auszusagen.
Wie reagiert der deutsche Staat auf diese Situation?
Er gewährt eine Frist von vier Wochen, in der sich die Betroffenen zwischen Aussage und Ausreise entscheiden müssen. Wenn sie als Betroffene aussagen, haben sie bis zum Ende des Prozesses eine Aufenthaltserlaubnis und im Falle einer Gefährdung auch danach. Ansonsten folgt die Abschiebung. Jetzt fragt man sich, wovon die Betroffenen leben sollen, während sie als Zeuge aussagen. Auf sie findet das Asylbewerberleistungsgesetz Anwendung und das heißt, sie bekommen 80 % des ALG II-Regelsatzes. Sie bekommen kein Geld für eine grundlegende medizinische Versorgung, sondern nur für das notwendigste. Sie bekommen kein Geld für eine Therapie und sie bekommen auch kein Geld für die entsprechenden Fahrtkosten.
Und da stockt einem nicht nur der Atem, weil die Schicksale der Frauen teilweise so schlimm und das Handeln ihrer Täter so unfassbar furchtbar ist, sondern auch, weil einem nicht in den Kopf gehen will, warum der deutsche Staat mit diesen Frauen so umgeht.
Warum gibt es kein unbefristetes Aufenthaltsrecht für Opfer von Menschenhandel?
Warum gibt es für Organisationen wie Kobra kein Zeugnisverweigerungsrecht?
Warum gibt es für die Opfer nicht das gleiche Geld wie für Menschen deutscher Staatsangehörigkeit, wenn sie gerade nicht arbeiten gehen können?
Warum gibt es kein Geld für eine umfassende medizinische Versorgung und eine Therapie?
Mit diesen Fragen sitzen wir alle in diesem Raum und die Unfassbarkeit sehe ich in den Gesichtern der anderen Jusos und höre ich in ihren Nachfragen. Mit diesen Fragen stehe ich am Bahnhof. Gleichzeitig spüre ich meine Bewunderung und meinen Respekt gegenüber der Referentin von Kobra für das, was sie tagtäglich tut. Und ebenso bin ich froh, in einem Verband zu sein, in dem wir die gleichen Dinge schockierend finden und so etwas wie diese Empörung Antrieb zum Handeln ist.



Freitag, 10.Juli 2009 von Franziska Drohsel
Deutsche Wirklichkeit verändern Tour