In der Dortmunder Nordstadt
In Dortmund komme ich an und mit einigen Jusos klettern wir die vielen Treppen eines Hinterhauses hinauf. Dann stehen wir in einem kleinen Raum. Ein Mischpult, von dem aus man durch die Scheibe in das kleine Studio sehen kann. Zuerst unterhalten wir uns mit dem Leiter des AWO Hip Hop Projektes, der erzählt, wie das Ganze zustande gekommen ist. Zwei der Hiphopper sind da. In das aktuelle Stück des 13-Jährigen hören wir kurz rein. Er rappt darüber, wie alle behaupten, in Deutschland gebe es keine Ghettos und dabei müssten sie doch nur in die Nordstadt gehen. Ich frage ihn, wie es denn ist, in der Nordstadt. Die Drogen und der Straßenstrich – kleine Kinder, die aus dem Fenster schauen und auf der Straße nichts anderes sehen. Kinder sollten davor mehr geschützt werden, sagen beide. Neu gibt es ein Mädchen-Projekt und das läuft auch gut, sagt die junge Frau, die es betreut. Ich frage sie, ob man denn einen Unterschied zwischen Jungs- und Mädel-HipHop feststellen könnte. Sie grinst mich an. Naja, die Mädels würden eigentlich nur über Jungs, Beziehungen und Liebe rappen. Die Jungs würden das auch, ergänzen die anwesenden Männer, aber eben auch über andere Sachen. Ich muss lachen. So manche Frauen-Männer-Sachen sind überall gleich, unabhängig von dem Ort, an dem man aufwächst, unabhängig davon, auf welche Schule man geht und was die Eltern machen. Und das ist einerseits verbindend, andererseits habe ich noch nie verstanden und verstehe auch jetzt nicht, warum das so ist, die Themen so unterschiedlich.
Im Anschluss laufen wir durch die Nordstadt. Sehr viel sehe ich von dem, was mir erzählt wurde, nicht, aber es ist noch früher Nachmittag. Dann treffen wir Ulla Burchardt und sitzen in der Jugendfreizeitstätte Stollenpark mit ca. 20 Jugendlichen, die regelmäßig dort sind und an Projekten mitmachen. Sie erzählen uns von ihren Projekten und dann fragen wir: Zum Beispiel, warum sie denken, dass so viele nicht wählen gehen. Sie meinen, vielen sei es zu anstrengend, viele wollten mit Politik nichts zu tun haben. Naja und wahrscheinlich wüssten die meisten nicht, was so eine Wahl mit ihrer Situation vor Ort zu tun hat. Auch hier hören wir wieder ähnliches: Drogen, Alkohol, Straßenstrich, soziale Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit. Gleichzeitig verteidigen sie ihr Viertel. Hier gebe es keine Abgrenzung der Nationalitäten. Alle würden hier gemeinsam leben. Dann fragen die Jugendlichen uns. Warum die Jusos im Kommunalwahlkampf für ein Disco-Viertel kämpfen, fragt einer. Ob sie glauben würden, dass dies das dringendste Problem in Dortmund sei – und außerdem würde sie alle das sowieso nicht berühren. In Dortmund käme keiner, der ausländisch aussieht, in irgendeine Disco.
Und am Ende höre ich Ulla zu. Sie erläutert mir, wie die Situation mit dem Straßenstrich gerade sei (ich hatte angemerkt, dass die Verdrängung der Prostituierten raus aus der Stadt und in dunkle Ecken wohl auch nicht die Antwort sein könnte). Und sie erzählt den Jugendlichen, dass die Situation innerhalb von Parteien für Frauen vor zwanzig Jahren ähnlich gewesen sei, wie heute die Situation für Menschen mit Migrationshintergrund: diese haben oft eine Art „Exoten-Status“ und werden auf die Themen Frauen oder Integration beschränkt. Am Ende schlägt sie vor, dass man sich doch regelmäßig trifft und mal konkret wird. Froh bin ich, dass wir solche Bundestagsabgeordneten haben.
Danach stehe ich draußen und nehme Video-Statements von denen auf, die mitdiskutiert haben. Und über den Spaß, den das macht, bin ich erstaunt, angesichts der ganzen deprimierenden Themen, über die wir diskutiert haben. Wie ich da mit jedem allein vor der Kamera stehe, spüre ich die Energie, die Lebensfreude und die Hoffnung, dass sich eben doch was ändert in dieser Gesellschaft, die jede und jeder von ihnen trotz der widrigen Umstände haben. Und das ist ziemlich großartig.
Tags: Dortmund, Hip Hop, integration, Jugendfreizeitstätte, Nordstadt, Ulla Burchardt



Dienstag, 11.August 2009 von Franziska Drohsel
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