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Flüchtlingspolitik in Berlin – Der Abschiebeknast Grünau und das Ausreisezentrum in der Mortardstr.

Am Dienstag Morgen treffen Anne (Landesvorsitzende der Berliner Jusos) und ich uns und fahren zum Abschiebeknast in Grünau. Sonst kennen wir den nur von Demos und damit von draußen. Diesmal gehen wir rein. Allerdings nur ins Besucherzimmer. Wir sind zu einem Gespräch mit einem Flüchtling, der gegenwärtig dort einsitzen muss, verabredet. Die Atmosphäre in diesem Zimmer ist bedrückend und darüber hinaus schreien die Mitarbeiter des Gefängnisses, die in Blicknähe an der Durchsuchungsstation für Besucher stehen, permanent rum oder laufen im Raum hin und her, um Fenster zu öffnen und zu schließen. Müsste man hier ein vertrauensvolles Gespräch mit einer Anwältin führen, stelle ich mir das schwierig vor vertrauensvoll  zu reden. Der Flüchtling erzählt uns seine Geschichte. Er ist Opfer der unlogischen und unmenschlichen Gesetzgebung in diesem Land. Sein Land Kamerun verweigert ihm die Papiere. Deutschland hat Asyl verweigert. Er kann ohne Pass nicht abgeschoben werden. Deshalb sitzt er im Knast hinter Gittern. Man steht sprachlos vor diesen Gesetzen. Wenn er nicht weg kann, warum kann er dann nicht hier leben?

 

Als wir gehen, kriegen wir unsere Ausweise in der Durchsuchungsstation wieder. Dann hören wir, wie einer der Beamten ganz hektisch wird. Der Flüchtling weigert sich wohl, wieder zurück in seine Zelle zu gehen. Verstärkung wird angefordert. Was mit ihm jetzt passiert und in welchem Verzweiflungszustand er sich befinden muss, wollen wir uns beide kaum vorstellen. D

 

Dann geht es quer durch die Stadt zur Motardstraße. Hier bin ich das zweite Mal. Wir haben ein Gespräch mit der Leitung und Mitarbeitern. Wieder erklären sie uns, dass der Begriff „Ausreisezentrum“ doch gar nicht zutreffe. Als wir mehrmals nachfragen, müssen sie jedoch schon zugeben, dass hier auch Menschen sind, die nicht ankommen, sondern aus diesem Land ausreisen müssen.  Das Essen ist für viele nicht verträglich. Und so nebenher hören wir, dass es keine Kochplatten mehr in den Zimmern gibt, weil die im Winter so oft angemacht wurden. Als ich nachfrage, warum das passiere, ob es zu kalt sei, wurde schnell erklärt, dass manche es im Zimmer eben gern besonders warm hätten. Klar, denke ich, gibt ja so wahnsinnig viel Leute, die Privat-Sauna in ihren Wohnzimmern veranstalten.

 

Wir fahren weiter nach Friedrichshain und treffen uns mit einem entlassenen Flüchtling, der in Grünau sitzen musste.  Auch bei ihm gibt es das Problem mit dem Pass. Derzeit hat er eine Duldung für einen Monat. Danach kann er wieder zittern, ob er hier bleiben kann oder nicht. Untragbare Zustände.  Auch reden wir über Grünau. Wie lange es braucht, bis ein Arzt kommt, wenn eine oder einer krank ist. Dass das Essen zu wenig und oft nicht bekömmlich ist. Dass er als wegen seiner kaputten Zähne, di e Folge eines Nazi-Übergriffs waren, ins Krankenhaus musste und von allen angestarrt wurde, weil er da in Handschellen lag. Von dem Hungerstreik und den Selbstverletzungen, die es in den letzten Monaten wieder gegeben hat. Von den Kühlschränken, die aus den Zellen entfernt wurden und nun das privat mitgebrachte Essen unter den Betten lagern muss bzw. einkassiert wird aus „hygienischen Gründen“.

 

Anne und ich gehen. Ich bin froh, jetzt eine knappe Stunde für mich zu haben. So viele furchtbare Eindrücke heute. Wut über diese Bundes-Gesetze, Wut über Rot-Rot in Berlin, dass es in Grünau augenscheinlich schon wieder so weit ist, dass Leute sich selber verletzen, weil sie es nicht aushalten. Wut über manche Mitarbeiter da, wie sie mit den Menschen umgehen.

 

Abends sitzen wir mit den Jusos draußen vor dem Wahllokal und diskutieren unsere Eindrücke. Raed aus dem Abgeordnetenhaus ist da, ein Vertreter von Jugend ohne Grenzen und einer vom Berliner Netzwerk für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge. So deprimierend es heute auch war, so tut es nach diesem Tag gut, mit Genossinnen und Genossen zu sprechen, die es genauso deprimierend finden wie man selber und mit denen man darüber diskutieren kann, was wir als Jusos gemeinsam machen können.

 

Endlich Grünau und die Motardstraße schließen!

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4 Kommentare

  1. Pascal sagt:

    Franzi, dass ist der authentischste und tollste Post in deinem Blog.

    Hier steht nicht viel und was hier steht kommt meistens eher Presseartikel gleich. Ich weiß wie schwer es ist aber genau solche Erfahrungen sind es, wovon andere lernen können.

    Ich hab jetzt ein bedrückendes Gefühl. Ich könnte mich beim nächsten mal mit dir freuen oder mit dir schimpfen, wenn du mich und uns weiter auf den Weg deiner Erfahrungen und Eindrücke mitnehmen würdest.

    Heute hast du Klasse reagiert, als Mißfelder dich beim IGE-BCE Chat anpinkeln wollte. Prima und geschickt. Ich musste oft schmunzeln.

  2. Martin sagt:

    Wieder ein Beitrag von Frau Drohsel der ihre unreife Art unterstreicht. Warum sitzen denn die Leute in Abschiebehaft? Weil sie freiwillig nicht in ihre Heimat zurückkehren. Warum haben sie keinen Pass? Weil sie den wegwerfen um die Abschiebung zu verhindern? Wie warm soll es denn sein? 18 Grad sind in Deutschland laut Mietrecht garantiert. Nazi Übergriff? Oder vielleicht ein Streit unter Migranten. Warum Handschellen? Wenn jemand die Beamten beleidigt oder gewaltätig ist ist das normal. Kühlschränke und Elektroherde entfernt, warum? Diese Geräte dienten immer wieder als Brandursache. Wer kommt für die Schäden auf und wer trägt Verantwortung wenn eine Person verletzt oder getötet wird. Sie??? Das essen nicht gestattet ist ist daher nur logisch und sollte konsequent auch die Lebensmittel unter dem Bett betreffen. Essen eine zumutung? Was glauben sie was sie in einem afrikanischen Knast bekommen? Eisbein mit Sauerkraut, oder was??? Sie Fragen ferner warum er nicht hier leben kann, wenn er doch nicht weg kann. Weil der Asyl Antrag zu recht abgelehnt wurde. Wenn man eine Ausnahmegenehmigung erteilt steht morgen halb Afrika ohne Pass in Deutschland und dann?
    Frau Drohsel werden sie endlich erwachsen und verstecken sie sich nicht hinter der Fassade der Jusos.

  3. Georg sagt:

    Liebe Frau Drohsel,

    vorweg muß ich ehrlich sein, ich wähle schon seit
    langem die ” GRÜNEN “.

    Jedoch bin ich von Dir beeindruckt. Besonders Dein
    Eintreten für mehr soziale Gerechtigkeit. Weiter so.

    Was die Flüchtlinge/Asylbewerber betrifft, denke ich,
    dass dies ganz arme Menschen sind. Ausgestoßen, aus-
    gegrenzt und hilflos. Dabei fällt mir ein gutes Zitat
    ein: ” Kein Mensch ist illegal “.

    Wünsche Dir alles erdenklich Gute !

    LG

    Georg

  4. Georg sagt:

    Hallo Franziska,

    habe mir deinen Artikel nochmal
    durchgelesen. Sehr ergreifend !
    Diese Menschen müssen einem wirklich
    sehr leid tun.

    Ansonsten habe ich mich schon am
    06.Januar dazu geäussert.

    LG

    Georg

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Ich bin Franziska Drohsel, Bundesvorsitzende der Jusos, und auf diesem Blog findet ihr alle Informationen zu der Tour ″Deutsche Wirklichkeit verändern. Jusos unterwegs″, die von mir im Juso-Blog verfassten Artikel und noch einiges über meine politische Arbeit.