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Einen Tag in Gelsenkirchen

 

Am frühen Vormittag komme ich in Gelsenkirchen an. Taner und ich treffen uns am Bahnhof, Sebastian kommt dazu und gemeinsam beginnen wir diesen Tag. Wir besuchen die Werkstätten für angepasste Arbeit. Geistig Behinderte arbeiten hier in verschiedenen Bereichen. Zwei von ihnen geben uns eine Führung durch die Werkstätten. Stolz zeigen sie uns die verschiedenen Abteilungen und zeigen uns die Arbeiten, die hier gemacht werden. Notfalltücher werden hergestellt, Schrauben geprüft, Muttern hergestellt und noch vieles mehr. Wir sind beeindruckt, wie offen und nett die Menschen auf uns reagieren, während wir ihnen bei ihrer Arbeit zusehen. 800 Leute arbeiten hier, es gibt Hobby-Gruppen und betreutes Wohnen. Wenn die Menschen zwanzig Jahre dort gearbeitet haben, dürfen sie in Rente gehen. Der Großteil bleibt und man müsste auch ganz schön blöd sein, wenn man hier geht, erläutern uns die beiden. Das ist auch unser Eindruck: eine gute Einrichtung, wo geistig Behinderte miteinander leben und arbeiten. 

 

Danach fahren wir zu GAFÖG – ein Berufsbildungsträger und Arbeitsvermittler. Zunächst erläutert uns der Geschäftsführer die Struktur und was hier konkret gemacht wird. Wir diskutieren mit ihm über außerbetriebliche Ausbildung und Zeitarbeit. Danach geht es hinunter in die Werkstätten. Wir treffen eine Gruppe von jungen Männern, die keinen Schulabschluss haben und ihr ein Jahr „vorqualifiziert“ werden, um eine bessere Chance auf einen Ausbildungsplatz zu haben. Uns wird die Werkstatt gezeigt und nachdem ich dann selber einen metallenen Schlüsselanhänger durch Knopfdruck hergestellt habe, meint der Ausbilder, wir könnten uns direkt mit den Jugendlichen unterhalten. Da stehen wir und fragen sie, wie dieses Jahr sei, warum sie die Schule nicht fertig gemacht hätten und ob sie schon wüssten, wie es weitergehen soll. Schule hatten sie einfach keinen Bock und jetzt seien sie froh, diese Chance zu bekommen und sie fänden es großartig, mit Metall zu arbeiten. Die nächste Gruppe, die wir treffen, macht eine außerbetriebliche Ausbildung. Sie stehen kurz vor ihrem Abschluss und sind allesamt ziemlich begeistert von ihrer Ausbildung. Anders haben sie keinen Ausbildungsplatz bekommen und sie sind froh, diese Chance bekommen zu haben. Traurige Zustände, die Jugendliche so aus der Schule entlässt und so wenig Chancen auf eine Ausbildung gewährt, aber Programme, die zumindest diesen Jugendlichen eine Perspektive vermitteln.

 

Weiter geht es zum Haus der Jugend. Dort sitzen wir mit der Leiterin des Hauses und dem DGB-Regionsvorsitzenden Josef Huelsdunker. Worum geht es im Haus der Jugend? Um die Situation der Jugend und diese ist hier wirklich traurig und deprimierend. Die Leiterin kann den Bedürfnissen der Kinder und Jugendliche kaum nachkommen – so groß sind die Bedürfnisse und so gering die Mittel für solche Projekte. Die größten Probleme sind der Hunger der Kinder am Mittag und das schlechte Sprachvermögen, das ihnen viele Chancen verbaut. 5000 Menschen gehen in Gelsenkirchen zur Tafel. 267.000 Einwohner hat die Stadt. 40.000 Familieneinkommen liegen unter 1500 Euro. Wir überlegen gemeinsam, was man tun könnte – auf kommunaler, Landes- und Bundesebene. Nachdenklich und auch ein bisschen deprimiert sind wir alle angesichts solch offensichtlicher Probleme und dem politischen Scheitern in dieser reichen Gesellschaft, so etwas zu verhindern.

 

Am Abend sitzen wir im Jugendzentrum der Falken und diskutieren über Gute Arbeit und Ausbildung mit Joachim Poß, Josef Huelsdunker und dem Betriebsratsvorsitzenden von BP in Gelsenkirchen Darko Manolovic. Viele sind gekommen und schnell sind wir auch wieder bei den Themen, die uns den Tag über beschäftigt haben. Wie kommt es, dass junge Menschen bereits in so frühen Jahren für sich, keine Perspektive sehen, in dieser Gesellschaft ein Leben zu führen, wie sie sich das wünschen? Woher kommt diese Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit, es nicht mal versuchen zu können? Und was kann man dagegen tun? Die großen Antworten finden wir nicht, aber wir formulieren die gleichen Fragen. 

 

Aber als ich mit Taner und Sebastian im Auto sitze und das dunkle Gelsenkirchen an den Fensterscheiben vorbei rauscht, wir über unseren Tag reden, bin ich wieder froh, dass es in unserem Verband Menschen gibt, die Tage wie diesen planen, mit voller Empathie bei den Terminen dabei sind, die gleichen Dinge wie ich erschütternd und deprimierend finden. Und: ja, wir haben nicht auf alles eine Antwort, aber wir wissen um die Probleme, wir gehen zu den Orten, wo sie sichtbar sind, wir ringen, kämpfen um Antworten. Und die Kraft und Energie, die daraus entsteht, gemeinsam sich mit gesellschaftlichen Zuständen zu beschäftigen, darüber zu reden und nach Antworten zu suchen, die spüre ich mit den beiden, die mit mir diesen Tag verbracht haben, wieder und erschöpft aber froh verabschiede ich mich in dem Wissen, dass diese Auseinandersetzung morgen, die nächste Zeit für uns weitergehen wird. 

 

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7 Kommentare

  1. Pascal sagt:

    Danke für deinen Besuch in Gelsenkirchen.

    Taner hat den Tag auch bebloggt: http://politicyear.wordpress.com/2009/09/18/deutsche-wirklichkeit-verandern-in-gelsenkirchen-2/

  2. Ich glaube, das waren echt ganz viele interessante und wichtige Erfahrungen an einem Tag. Das war wirklich super, dass du hier warst und das in aller Hinsicht. Manche machen weiter wie bisher, aber wenn man damit umzugehen weiß und FreundInnen auf seiner Seite hat, dann ist’s viel leichter, wenn auch nicht einfach.

    Wichtig ist aber, glaube ich, vor allem im Hinblick auf den ganzen unsozialen Mist, der hier und anderswo passiert, dass man nicht irgendwann die Augen verschließt und sagt, da kann ich eh nicht helfen, sondern immer weiter kämpft, weil es sich dafür eben lohnt, auch wenn’s am Anfang so viel ist :) .

  3. Hallo meine Lieben, habt eine tolle Arbeit hingelegt
    Freundschaft
    Günther

  4. Robert sagt:

    Der Beitrag von Tom hat gegen die auf diesem Blog geltenden Grundregeln verstoßen und wurde deshalb gelöscht.

    Illegale, rassistische und Menschen verachtende Kommentare werden ohne Vorwarnung gelöscht.

    http://blog.jusos.de/netiquette/

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Ich bin Franziska Drohsel, Bundesvorsitzende der Jusos, und auf diesem Blog findet ihr alle Informationen zu der Tour ″Deutsche Wirklichkeit verändern. Jusos unterwegs″, die von mir im Juso-Blog verfassten Artikel und noch einiges über meine politische Arbeit.