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Im Schöneberger Norden

Morgens treffen sich Ingo und ich am Bahnhof Yorckstraße und los geht es zu unserem ersten Termin: Gespräch mit der Stadträtin Angelika Schöttler. Wir sitzen am ehemaligen Sozialpalast – 514 Wohnungen, 2000 Leute, die dort wohnen. Angelika berichtet uns über die Probleme in Schöneberg. Hauptsächlich reden wir über den Straßenstrich in der Kurfürstenstraße – für mich einer der schlimmsten Orte in ganz Berlin. Wie Angelika mir bestätigt, ist dort nämlich nicht irgendein Strich, sondern der Strich der Ärmsten der Armen und Drogensüchtigen. Es gebe dort auch andere Milieus aber eben auch dieses. Und es ist einfach unsäglich deprimierend, die jungen, fertig aussehenden Mädchen zu sehen, die dort stehen, und die Freier, für die genau das den Reiz ausmacht. Sie erzählt uns, wie man von Bezirksseite aus mit dem Strich umgeht. Sie berichtet, dass es keinen Sinn habe, den Strich bekämpfen zu wollen. Gleichzeitig müsse auf die Interessen der Nachbarn Rücksicht genommen werden. Zur Folge hat das, dass man an ganz konkreten Problemen mit allen Seiten arbeitet. Wenn es die Nachbarn stört, dass die Frauen besonders aggressiv auf Männer zugehen, wird mit den Frauen geredet und versucht, sie von einem anderen Verhalten zu überzeugen. Ich bin mal wieder froh, progressive Sozialdemokraten zu treffen, die nicht auf „law&order“ machen, sondern versuchen, Menschen zu helfen.

Weiter geht es zu einer Runde von Auszubildenden, die im Rahmen einer außerbetrieblichen Ausbildung in einem Cafe/einer Konditorei arbeiten. Zweifel hatte die Ausbilderin hinsichtlich der Frage, worüber diese Azubis denn politisch reden sollten. Dann würde uns angekündigt, dass kaum einer Zeit habe. Als wir da sind, sitzen da zehn Jugendliche, die interessiert und engagiert über politische Fragen mit uns reden wollen und ich ärgere mich mal wieder, mit welcher Arroganz Lehrer und Ausbilder manchmal ihren Schülern und Lehrlingen entgegentreten. Einig sind wir uns darin, dass man mehr im Kampf gegen rechts tun müsste, das Staatsbürgerschaftsrecht und die Einreisemöglichkeiten zu restriktiv sind und es zu oft polizeiliche Willkürübergriffe gibt. Als dass eine Mädchen umschreibend homophobe Dinge sagt, wird es sehr lebendig und die Mehrheit erklärt, warum sie Quatsch erzählt. Als Ingo zum Abschluss fragt, was ein neuer Bundeskanzler zuerst machen soll, sagt einer: „Mehr Geld für Azubis!“ Im ersten Lehrjahr bekommen sie über 250 Euro und im zweiten 275 Euro. Die Forderung nach mehr nehme ich mit.

Danach geht es in den Jugendladen und was die Jungs erzählen, die alle Migrationshintergrund haben und zwischen 13 und 18 Jahren alt sind, ist schockierend. Ihre Wahrnehmung von der deutschen Gesellschaft ist, dass sie dort nicht gewollt sind und unter der permanenten Gefahr rauszufliegen, leben. Lehrer, die rassistische Sprüche drücken, Bürger in U-Bahnen, die diskriminieren und eine Polizei, von der fast jeder der Jungs mindestens eine Story erzählen kann, wo sie willkürlich und unrechtmäßig festgenommen oder verprügelt wurden. Das Thema ist unser Hauptthema. Dann kommen wir noch kurz zum Thema Israel. Und auch hier wird umschreibend gefragt, aber der Antisemitismus bricht sich Bahn. Warum jüdische Einrichtungen bewacht werden? Weil sie gefährdet sind. Warum man in Synagogen eine Kopfbedeckung tragen müsste und sonst Ärger bekommt? Weil Religionen Regeln haben, die man als Atheistin nicht nachvollziehen muss, aber wenn man sich zu Religionsstätten bewegt, auch achten müsste. Sie würden mir auch Ärger machen, wenn ich im Männer-Raum in der Moschee ein kleines Tänzchen aufführe, während sie ihr Mittagsgebet machen, sage ich. Warum Deutschland Geld für Israel zahlt? Wir berichten über die viel zu geringe Entschädigung von Zwangsarbeitern und bezüglich ihrer fiktiven Geldströme müssen sie schließlich das Feld räumen. Als die Diskussion losgeht, spaltet sich auch die Gruppe. Auf einmal diskutieren sie miteinander und der „Fragesteller“ weiß irgendwann nicht weiter.

Ich verstehe mal wieder nicht, warum Menschen Blödsinn glauben und vertreten. Als einfach empfinden weder Ingo noch ich diese Diskussion und sicher gibt es sowohl in Sachen Homophobie als auch in Sachen Antisemitismus ein Level, bei dem man die Diskussion abbrechen und sagen muss, dass diese Position sich außerhalb des demokratischen Meinungsspektrums bewegt, als rechtsextreme Positionierung zu bewerten ist und man mit Nazis nicht redet. Hier lag der Sachverhalt anders. Wir erhielten Fragen und offene Gesichter, die Antworten wollten. Und so nachvollziehbar, schockierend und eindrücklich, die Jungs ihre soziale Situation, ihre Perspektiven und ihre Diskriminierung als Menschen mit Migrationshintergrund schildern konnten, so unmögliche Dinge äußerten sie an anderer Stelle z.B. in Bezug auf Israel. Und ich frage mich, woher solche Wahrnehmungen kommen und was man dagegen tun kann? Und ich frage mich auf der anderen Seite, wie man den Alltagsrassismus wegbekommt, unter den diese Jungs leiden.

Fragen, Fragen, Fragen, die mich zurücklassen, während ich meine alte Heimat die Hauptstraße und dann die Yorckstraße entlang laufe – eine Gegend, die ich so gern habe und die einem so viele Probleme entgegenspült. Froh bin ich, Ingo an meiner Seite zu wissen und dabei die Gewissheit zu haben, dass wir nicht nur die Zeit jetzt sondern auch weit darüber hinaus um Antworten auf diese Fragen ringen werden.

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2 Kommentare

  1. Lothar sagt:

    Irgendwie feige ist das schon zur Wahl nicht einen neuen Blogeintrag zu öffnen in dem sich die Menschen äussern können.

    Was solls – 22% ich bin happy – mehr hat diese SPD wirklich nicht verdient. Aber Steinmeier will ja weitermachen.

  2. Dieser Artikel ist sehr interessant, vor allem unter dem Gesichtspunkt der Ignoranz, unter der die Verfasserin eindeutig leidet. Es ist nobel sich für die Belange der Bevölkerung einzusetzen, sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen. Und genau da sind wir schon beim Thema. Man setzt sich nun einmal nicht nur mit jenen Menschen auseinander, die die gleiche Meinung haben, wie man selbst. Wo Frl. Drohsel von “außerhalb des demokratischen Meinungsspektrums” redet, ist genau das Gegenteil der Fall. Demokratie bedeutet, sich eben mit allen auseinanderzusetzen, ob Rechts- oder Linksradikal. Und da sind wir schon bei dem zweiten Thema. Eindrucksvoll wird auch an dieser Stelle wieder fast schon nebenläufig ausgeklammert, dass es ihn gibt, den Linksradikalismus, und dass er ein ebenso großes gesellschaftliches Problem darstellt wie jeder andere Radikalismus. Ist er etwa von der Authorin erwünscht? Ich weiß es nicht.

    Alles in allem sind Ansätze vorhanden, sich mit gesellschaftlichen Problemen auseinanderzusetzen, die Chance darauf wird aber von Ihnen aufgrund Ihrer dogmatisch-verklärten Ideologie, dem gesellschaftlich erwünschten Einheitsgewäsch der guten Linken eindrucksvoll vertan.

    Ich wünsche Ihnen, dass Sie wieder zur Vernunft und demokratischen Auffassungen zurückfinden.

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Ich bin Franziska Drohsel, Bundesvorsitzende der Jusos, und auf diesem Blog findet ihr alle Informationen zu der Tour ″Deutsche Wirklichkeit verändern. Jusos unterwegs″, die von mir im Juso-Blog verfassten Artikel und noch einiges über meine politische Arbeit.